MediTECH Electronik GmbH - Warnke-Verfahren: Hören - Sehen - Bewegen

Fachbeiträge / Publikationen




Visuelle Worterkennung bei erwachsenen funktionalen Analphabeten



Melanie Boltzmann1, Ivonne Gerth1, Jascha Rüsseler1, 2 


Diese Studie untersucht die visuelle Wortverarbeitung bei funktionalen Anal­phabeten. Eine der am zuverlässigsten aktivierten Regionen bei der visuellen Worterkennung von Erwachsenen ist das visuelle Wortformareal, das im occipito-temporalen Kortex der linken Gehirnhemisphäre lokalisiert und ein Teil des ventralen Lesesystems ist. Die funktionelle Spezialisierung des Wortformareals entsteht während des Lesenlernens. Die zunehmende Erfahrung im Umgang mit einer Schriftsprache verbessert die perzeptuellen Wahrnehmungsprozesse und bewirkt Veränderungen in der funktionellen Architektur der linken occipito-temporalen Region. Dadurch wird eine schnelle Worterkennung ermöglicht. Metho­de: Um die Aktivität des visuellen Wortformareals bei erwachsenen funktionalen Analphabeten zu untersuchen, wurde die Methode der funktionellen Magnetreso­nanztomographie (fMRT) angewendet. Die hier untersuchte Stichprobe bestand aus 12 erwachsenen funktionalen Analphabeten, die an einem spezifischen Lesetrai­ning über einen Zeitraum von 8 Monaten teilnahmen. Es wurde vor und nach dem Training dasselbe Paradigma verwendet: Den Teilnehmern wurden jeweils Paare von Wörtern, Pseudowörtern und Buchstabenketten präsentiert; die Aufgabe bestand darin zu entscheiden, ob diese Paare sich reimen oder nicht bzw. ob sie identisch sind oder nicht.

Ergebnisse: Visuell präsentierte Wörter lösten in linkshemisphärischen frontalen Regionen sowohl vor als auch nach dem Training größere Aktivierungen aus als Pseudowörter und Buchstabenketten. Nach dem Lesetraining war dieser Unterschied deutlich größer ausgeprägt als vor dem Training. Im occipito-temporalen Kortex hingegen wiesen Wörter erst nach dem Training signifikant höhere Aktivierungen als Pseudowörter und Buchstabenketten auf. Vor dem Training konnten hier keine bedeutsamen Unterschiede zwischen den verschiede­nen Bedingungen ermittelt werden. Der direkte Vergleich in der Verarbeitung von Wörtern zwischen der ersten und zweiten Messung ergab, dass nach dem Lesetraining die Aktivierung im visuellen Wortformareal signifikant größer war als vor dem Training.

Schlussfolgerung: Die Ergebnisse zeigen, dass Stimuli mit größeren Anforderun­gen an die phonologische Verarbeitung (Wörter > Pseudowörter  > Buchstaben­ketten) größere Akti­vierungen in frontalen Gehirnregionen auslösen, und dass sich diese Aktivierungen nach einem Training erhöhen. Da frontale Regionen unter anderem bei der phonologischen Verarbeitung von Bedeutung sind, deutet dieses Ergebnis darauf hin, dass nach dem Lesetraining stärker auf phonologi­sche Prozesse zurückgegriffen wird. Zusätzlich wird nach dem Lesetraining stärker das visuelle Wortformareal des ventralen Systems aktiviert, welches als eine beginnende Automatisierung der Worterkennung interpretiert werden kann. Insgesamt sprechen die Ergebnisse dafür, dass sich bei erwachsenen funktionalen Analphabeten eine Spezialisierung für Wörter entwickelt, die vergleichbar mit der Entwicklung bei Leseanfängern im Kindesalter ist. Auch bei erwachsenen funktionalen Analphabeten treten Veränderungen in den für das Lesen relevanten Gehirnregionen auf, wenn sich ihre Leistungen im Erkennen von Wörtern verbessern. 



1 Institut für Psychologie II, Abt. Neuropsychologie, Otto-von-Guericke-  Universität Magdeburg

2 Institut für Psychologie, Abt. Allgemeine Psychologie, Otto-Friedrich-  Universität Bamberg


Basale Wahrnehmungsleistungen bei funktionalen Analphabeten



Jascha Rüsseler1,2, Melanie Boltzmann1, Ivonne Gerth1


1Institut für Psychologie II, Abt. Neuropsychologie, Otto-von-Guericke   Universität Magdeburg
2 Institut für Psychologie, Abt. Allgemeine Psychologie, Otto-Friedrich-  Universität Bamberg 
Als funktionale Analphabeten werden Menschen bezeichnet, die trotz angemesse­ner Beschulung nicht ausreichend lesen und schreiben können, um die schrift­sprachlichen Anforderungen im Alltag zu bewältigen. Schätzungen gehen davon aus, dass es bis zu 4 Millionen funktionale Analphabeten in Deutschland gibt. Neben sozialen (Geschichte schulischer Lernschwierigkeiten, ungünstige familiäre Einflüsse, häufige Fehlzeiten in der Schule durch Krankheiten, häufige Schulwechsel etc.) werden auch biologische Faktoren (im Sinne einer erhöhten Vulnerabilität) als Ursachen diskutiert. In der vorliegenden Studie wurde untersucht, inwieweit ein Defizit bei der Verarbeitung von Reizen, die eine schnelle zeitliche Auflösungsfähigkeit erfordern, bei erwachsenen funktionalen Analphabeten vorliegt. Derartige Probleme werden als Ursachen für die Entstehung von Lese-Rechtschreib-Schwäche seit vielen Jahren angenommen.

60 funktionale Analphabeten, 30 nach Alter und Intelligenz angeglichene Erwachsene mit normaler Leseleistung, 30 nach Alter angeglichene Erwachsene mit normaler Leseleistung, 30 Kinder (7 bis 12 Jahre) mit Lese-Rechtschreib-Schwäche sowie 30 Kinder (7-12 Jahre) mit normaler Leseleistung nahmen an der Studie teil. Es wurden die visuelle und auditive Ordnungsschwelle, Richtungshören, Tonhöhenunterscheidung, basale Reaktionszeit, auditiv-motorische Koordination, auditive Frequenzmustererkennung sowie die auditive Zeit-Mustererkennung erfasst.  Hierzu wurde der Brain-Boy Professional (Fa. MediTECH, Wedemark) eingesetzt.

Die funktionalen Analphabeten zeigten Beeinträchtigungen der basalen auditiven und visuellen Wahrnehmungsfähigkeiten, die denen von Kindern mit Lese-Rechtschreib-Schwäche vergleichbar waren. Allerdings konnten Defizite ähnli­chen Ausmaßes auch bei Erwachsenen mit normaler Lesefähigkeit, die im IQ und im Alter mit den funktionalen Analphabeten vergleichbar sind, beobachtet werden. Interessanterweise waren derartige Probleme bei der Gruppe Erwachsener mit normaler Lesefähigkeit, vergleichbarem Alter und höherem Intelligenzniveau nicht zu beobachten.

Funktionale Analphabeten scheinen Defizite in der Wahrnehmung auditiver und visueller Reize zu haben, die eine gute zeitliche Diskriminationsfähigkeit erfordern. Allerdings scheint ein solches Defizit nicht zwangsläufig zu Schwierigkeiten beim Schriftspracherwerb zu führen, wie die ebenfalls vorhandenen Wahrnehmungsprobleme der Gruppe nach Alter und Intelligenz vergleichbarer Erwachsener mit normalen Lese-und Schreibleistungen zeigt. Weiterhin wird diskutiert, inwieweit die durchgeführten Testverfahren auch die allgemeine Verarbeitungsgeschwindigkeit, die bekanntlich auch mit dem in Intelligenztests gemessenen IQ korreliert, erfassen.

zur Zeit:

Prof. Dr. J. Rüsseler

Professur für Allgemeine Psychologie (Vertretung) Otto-Friedrich-Universität Bamberg Markusplatz 3, 96045 Bamberg, 0951-8631991

Department of Psychology II
Otto-von-Guericke University Magdeburg
PO Box 4120, D-39016 Magdeburg, (0049)0391 - 6718478, jascha.ruesseler@ovgu.de 


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